I werd narrisch - Österreich vor der EM
aus Worldcupwiki
17. Oktober 2007 - Ein kurzer Ausblick, nur noch 234 Tage, dann beginnt die nächste Fußball-Europameisterschaft. Während aber der eine Gastgeber sportlich, organisatorisch und auch emotional vor dem Turnier einen ganz passablen und wohl vorbereiteten Eindruck hinterlässt, gibt der andere Gastgeber hingegen nur ein einziges Bild des Jammers ab. Die Rede ist natürlich von unseren beiden Nachbarländern Schweiz und Österreich.
Wie symbolisch ist da die Tatsache, dass die euphorisierte Schweiz den Kontrahenten aus Österreich beim Freundschaftsspiel letzte Woche locker und leicht mit 3:1 bezwingen konnte. Augenzeugen berichten, dass die Österreicher mit einer Niederlage in dieser Höhe noch gut bedient gewesen sein sollen. Deshalb ist diese 1:3 Niederlage wohl auch ein klarer Fingerzeig auf die derzeitig herrschende sportliche Tristesse in unserem Nachbarland, denn damit haben die Österreicher in diesem Jahr bei vier Unentschieden und fünf Niederlagen noch kein Spiel gewinnen können. Sollte das morgige Spiel gegen die Elfenbeinküste ebenfalls nicht gewonnen werden, würde sogar ein historischer Negativrekord aufgestellt werden. 10 Spiele ohne Sieg hat es nämlich selbst in Österreich noch nie gegeben.
Inzwischen macht sich im ganzen Land eine Agonie der ganz besonders alpenländisch-österreichischen Art breit. Von Vorfreude auf das Turnier ist jedenfalls rein gar nichts zu spüren. Die einen möchten das EM-Turnier und ihre eigene Mannschaft am besten einfach ignorieren und sich nur noch auf die erfolgreiche Winter-Skisaison ihrer Skistars konzentrieren. Und die anderen gehen sogar noch einen Schritt weiter und üben sich in Defätismus der ganz besonderen Art. So will die Initiative “Österreich zeigt Rückgrat” gar erreichen, dass die österreichische Mannschaft von sich aus vor den Turnier zurückzieht und ihren Turnierplatz einer “richtigen Fußballmannschaft” überlässt. Getreu dem Motto aus einer Strophe der österreichischen Nationalhymne, “Volk, begnadet für das Schöne”, will man sich und dem Rest der Welt den “schrecklichen” Fußball des eigenen Teams ersparen und dafür den “schönen” Fußball der anderen Mannschaften genießen.
Was ist da los, fragt man sich. Wieso spielt ein Gastgeber, der ja eine gewisse Zeit hatte, sich auf das Turnier im eigenen Land ausreichend vorzubereiten, nicht mal ein Jahr vor dem Ereignis dermaßen unterirdisch und was will man tun, um diesen Negativlauf und vor allem auch diese absolute Antistimmung im Land zu stoppen? So kann man doch eigentlich in kein Heim-Turnier gehen.
Eine Lösung scheint nicht in Sicht. Wenn man sich den österreichischen Kader anschaut, stellt man sehr leicht fest, dass die individuelle Qualität und Klasse der Mannschaft äußerst bescheiden ist. Individuell jedenfalls ragt kaum ein Spieler heraus. Da verwundert es auch nicht, dass nur ganz wenige Österreicher in einer der fünf europäischen Topligen aktiv sind. Und diese sind dort entweder zumeist nur Ersatz (Weissenberger), bei der EM aufgrund einer Sperre aus der vergangenen WM-Qualifikation wahrscheinlich in den ersten beiden Partien gar nicht einsatzberechtigt ist (Pogatetz), oder haben im Vorhinein schon von sich aus keine Lust mehr für ihr Land zu spielen (Scharner). Da kann es auch nicht verwundern, dass mit Martin Harnik ein junger Nachwuchs- und Regionalligaspieler aus Bremen, der kaum drei Bundesligapartien gemacht hat, gleich zum neuen nationalen Retter auserkoren wird. Der österreichische Fußball bezahlt derzeit einfach dafür, dass er in den letzten 10-15 Jahren im Nachwuchsbereich total geschlafen hat. Dass die vor zwei bis drei Jahren gestarteten neuen Maßnahmen im Nachwuchsbereich durchaus Früchte tragen könnten, hat die Halbfinalteilnahme der U20-Nationalmannschaft bei der letzten U20-WM bewiesen. Leider kommt aber die EM im eigenen Land für die meisten dieser Nachwuchsspieler noch zu früh.
Wenn es aber schon individuell nicht reicht, dann sollte man wenigstens verlangen können, dass eine Mannschaft über Teamgeist, Moral und Einsatzbereitschaft versucht, diese individuellen Nachteile auszugleichen. Aber auch hier weist die österreichische Mannschaft sehr große Defizite auf. Es fehlt an allem. Kaum Zweikampfverhalten, kaum Engagement, kein sichtbarer Wille, kaum Einsatz und von stetiger Laufbereitschaft kann erst recht keine Rede sein. Wer einmal ein solches Spiel der österreichischen Nationalmannschaft vor Ort gesehen hat, kann nur feststellen, dass diese Mannschaft tot ist. Hier wäre eigentlich der Trainer Josef “Peppi” Hickersberger gefragt. Der sollte doch wenigstens diese vorher genannten Tugenden an seine Spieler vermitteln können. Leider strahlt er mit seiner insgesamt lethargisch wirkenden Art und langsamen Sprechweise neben dem Platz genau das aus, was seine Spieler dann auch auf dem Platz zeigen. Von Dynamik keine Spur. Man sollte ihm sicher nicht die Alleinschuld an der Situation geben, er war ein sehr erfolgreicher Vereinstrainer und ist fachlich auch sicher ein ausgezeichneter Fußballlehrer. Leider scheint das aber nicht auszureichen, um aus den in der österreichischen Liga, in der Tempofußball nach wie vor ein absolutes Fremdwort ist, verwöhnten und verhätschelten Profis eine schlagkräftige Einheit zu formen. Da bräuchte es schon ein anderes Kaliber, das vor allem auch den trägen und extrem konservativ denkenden österreichischen Fußballverband aus seinem Tiefschlaf reißen könnte. In Österreich selber gibt es jedenfalls niemanden, der das könnte. Und aus dem Ausland wird sich wohl auch kein Spitzentrainer dieses Team mehr antun wollen, zumal ja bis zum Beginn der Europameisterschaft auch kaum noch Zeit zum Ausprobieren bleibt. Hier wird sich also wahrscheinlich nicht mehr viel tun.
Insgesamt muss man also konstatieren, dass es derzeit sehr sehr düster aussieht. Alles andere als ein frühzeitiges Ausscheiden nach der Vorrunde wäre eine große Sensation. Man muss auf ein Wunder hoffen. Bleibt dieses aus, wird Córdoba 1978 wohl auch noch in 20 Jahren vor, bei und nach jedem Länderspiel im österreichischen Fernsehen Erwähnung finden. Und das wäre wohl für ein Volk, das angeblich begnadet für das Schöne ist, die eigentliche Höchststrafe.
Quelle: Soccerboards.de, Autor: Christoph, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/de/

Mr. Wong
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